Pohl: Es geht in erster Linie um Patientensicherheit. Wir haben uns beim Pilotprojekt ProAct entschieden, die Möglichkeiten von RFID im Operationsbereich des Landeskrankenhauses Innsbruck zu erforschen. 2004 wurden hier 44.000 Patienten in 54 Operationssäle operiert. Der Betrieb bedarf einer komplexen Logistik, der durch die Funktechnologie RFID zusätzlich unterstützt wird. In vier Operationssälen und der OP-Schleuse wird das System getestet.
STANDARD: Was genau wird überprüft?
Pohl: Um es einfach zu sagen: Wir überprüfen, ob sich ein Patient im OP-Bereich zur richtigen Zeit am richtigen Ort befindet und welche Operation für ihn geplant ist. Stimmt dabei irgendetwas etwas nicht, löst das System Alarm aus. So sollen kritische Situationen, die selten, aber leider immer wieder einmal vorkommen, vermieden werden. Vor einer Operation kann ein Patient selbst nur mehr sehr bedingt Auskunft geben.
STANDARD: Wie läuft das ab?
Pohl: Noch auf der Station selbst wird der Patient mit einem so genannten RFID-Tag, das ist ein Chip mit einer eingebauten kleinen Antenne, ausgestattet. Über ein an der Operationsschleuse angebrachtes RFID-Lesegerät werden dann alle für die Operation wichtigen Patientenda- ten aus den IT-Systemen des Krankenhauses gefiltert. Stimmt etwas nicht, wird ein Alarm ausgelöst.
STANDARD: Wenn alles passt, reagiert das System nicht?
Pohl: Genau, es ist uns wichtig, dass durch die zusätzliche IT kein Mehraufwand für das Personal entsteht. ProAct soll automatisch im Hintergrund ablaufen und ist als Sicherheitsnetz für Pflegepersonal, Ärzte und Patienten gedacht.
STANDARD: Wird der Patient mittels dieser Technologie also zu einer Art "gläserner Mensch"? Mitunter wird RFID von Datenschützern kritisiert.
Pohl: ProAct ist so konzipiert, dass Patientendaten immer nur für einen ganz bestimmten Zweck und nur an einem bestimmten Ort aus den Systemen gefiltert werden. Auf dem RFID-Chip selbst sind keine patientenbezogenen Daten gespeichert, der Chip ist eine Art Schlüssel. Wir haben dafür den Datenschutzbeauftragten Klaus Schindelig von den Tiroler Landeskrankenanstalten eingebunden. Die Einwilligung jedes Patienten ist Grundvoraussetzung.
STANDARD: Mit welchen Hürden ist man konfrontiert?
Pohl: Der Operationsbereich eines Krankenhauses ist ein sehr spezifisches Umfeld, ProAct soll im Hintergrund Prozesse, die im Krankenhaus ablaufen, überwachen.
STANDARD: Welches Potenzial hat RFID im Spitalsbereich außerhalb der Operationsräume?
Pohl: Theoretisch lässt sich das System auch in Ambulanzen, in Notfallbereichen oder Labors einsetzen. Unabhängig von Patienten können auch medizintechnische Geräte mittels RFID besser überprüft werden.
STANDARD: Wie das?
Pohl: Jede medizintechnische Einheit, sei es ein Krankenhausbett, ein Beatmungsgerät, ein Infusomat oder mobiles Überwachungsgerät muss per Gesetz regelmäßig gewartet werden. Sind sie mit RFID-Chips ausgestattet, meldet das System automatisch, wenn eine Wartung fällig ist.
STANDARD: Welche Visionen gibt es noch für die Zukunft?
Pohl: Ich könnte mir vorstellen, dass in den nächsten Jahren mittels RFID die langen Wartezeiten in Spitälern der Vergangenheit angehören. Patienten werden erst dann zu Untersuchungen geholt, wenn Ressourcen frei sind.
STANDARD: Könnten sich Patienten eines Tages selbst über so ein System Daten abrufen?
Pohl: Auch das ist eine Zukunftsvision. Natürlich kann das Aufklärungsgespräch mit einem Arzt niemals ersetzt werden, doch viele Patienten brauchen länger, um eine Diagnose zu verstehen. Auf Basis von RFID könnten spezifisch auf einen Patienten abgestimmte Informationen vom betreuenden Arzt zusammengestellt werden. Der Patient ruft sie mittels RFID ab, wann immer er möchte. Bis es so weit ist, werden noch ein paar Jahre vergehen.
Autor: Karin Pollack
Quelle: ECAustria, 05.09.2005