Hintergrund:
‚Häusliche Pflege’ verweist auf eine Reihe von Gesundheits- und Sozialdiensten, die im Hause des Patienten durchgeführt werden.
Die alternde Bevölkerung führt zügig zu einer steigenden Anzahl an Europäern, die auf Pflege angewiesen sind, sowie zu einer Änderung der Krankheitsbilder. Letzteres führt dazu, dass chronisch degenerierte Krankheiten weit verbreitet sind. Dies, verbunden mit einer sinkenden Arbeitskraft im Gesundheits- und Pflegewesen, hat Experten und Politiker dazu veranlasst, häusliche Pflege als langfristige Lösung berücksichtigen.
Technologie, insbesondere aktive Geräte wie Dialysesysteme, Beobachtungsgeräte für das Handgelenk und biomedizinische Kleidung, können die Qualität der häuslichen Pflege verbessern. Es gibt jedoch einige Hindernisse für die Aufnahme solcher Technologien. Hierzu zählen finanzielle, organisatorische und rechtliche Aspekte sowie Bedenken hinsichtlich Privatsphäre, Datenschutz und Interoperabilität.
Kernfragen:
Eine europäische Konferenz über häusliche Pflege fand am 4. Dezember 2007 statt. Sie versammelte Politiker, Vertreter der Branche und Patientenorganisationen. Zur Diskussion standen die Organisation und Finanzierung der häuslichen Pflege, die Notwendigkeit integrierter häuslicher Pflegedienste, der Einfluss von Gesundheitstechnologien und die Herausforderung der Gesundheitspolitik für Entscheidungsträger.
In der Gesprächsrunde über den Einfluss von Gesundheitstechnologien auf die häusliche Pflege hat die Medizingeräteindustrie gefordert, dass bestehende Technologien schneller eingesetzt werden sollten. Demgegenüber betonten die Kommission und ein regionaler Vertreter die Notwendigkeit, zunächst Informationen über Gesundheit sowie Kommunikationsnetze einzuführen.
Positionen:
Rosanna Tarricone, Leiterin der Wirtschaftsangelegenheiten bei Eucomed, sagte, auch wenn Technologien existierten, gehe deren Verwendung im Sektor der häuslichen Pflege zu langsam von Statten. Grund hierfür seien Hindernisse finanzieller Art sowie die unflexible Organisation des Pflegewesens.
Tarricone fügte hinzu, Rückerstattungssysteme hielten Anbieter davon ab, innovative Technologien zu verwenden, da nicht die Investoren daraus Gewinne einstrichen sondern Patienten und deren Pfleger. Sie betonte die Notwendigkeit, dass die Art der Finanzierung und Organisation des Gesundheitswesens geändert würde. Sie müsse anstatt des vertikalen Ansatzes der 1970er Jahre mittels eines eher horizontalen Ansatzes organisiert werden, in dem der Rechtsrahmen kein Hindernis darstellen sollte.
Gérard Comyn, Leiter der Einheit Informations- und Kommunikationstechnologien für die Gesundheit der Kommission, betonte die Notwendigkeit, sichere Gesundheitsinformationsnetze einzuführen, um die Standorte der Pflegedienste der persönlichen Gesundheitssysteme zu verbinden. Definitionsgemäß seien Netzwerke der Telemedizin der Schlüssel.
Diesbezüglich betonte Comyn ebenfalls die Bedeutung der Interoperabilität, um ‚mobile Gesundheit’ zu ermöglichen (beispielsweise drahtlose Körpersensoren). Interoperabilität sei das einzige technische Problem der Telemedizin. Die anderen Herausforderungen seien nicht technischer Natur. Stattdessen führte er rechtliche Hindernisse, finanzielle Fragen wie Rückerstattung für Patienten und praktische Aspekte wie Zertifizierung und Akkreditierung, Datenschutz und Privatsphäre an.
Giuseppe Paruolo, Vizebürgermeister von Bologna und zuständig für Gesundheit und Kommunikation, sagte, teure, ausgefallene und beschränkte Experimente könnten interessante Tests sein. Man müsse aber Lösungen in Betracht ziehen, durch die es möglich sei, einen Großteil der Bevölkerung zu berücksichtigen. Die Kosten für Geräte, Organisation sowie andere, hiermit in Verbindung stehende Kosten müssten von Anfang an in Betracht gezogen werden.
Paruolo sagte, öffentliche Behörden wollten keine 1 000 Euro für ein Medizingerät zahlen, wie beispielsweise einen kleinen Handgelenksensor, wenn dessen realer Preis zehn Euro betrage, nur weil die Branche Kosten für die Zusammenschaltung und Kommunikation einem jeden Gerät zufüge.
Er sagte, er wolle eine Lösung, bei der man eine weltweite Kommunikationsinfrastruktur ein für alle Mal einführe, die alle Haushalte erreiche. Anschließend könne man diesem Netz Geräte zuschalten, die mit der Infrastruktur kommunizieren könnten. Er werde nicht für jedes Gerät eines anderen Unternehmens die Kommunikationsinfrastruktur zahlen.
Paruolo fügte hinzu, man müsse eine öffentliche Infrastruktur einführen und Ausschreibungen für Geräte veröffentlichen, die in diese Infrastruktur integriert werden könnten. In diesem Fall könne man der Industrie 15 Euro pro Gerät zahlen, jedoch keine 1 000 Euro.
Er sagte weiterhin, dass eine Harmonisierung der Standards auf europäischer Ebene und eine Art ‚Entflechtung’ des Gesundheitswesens, um dessen verschiedene Teile zu trennen –wie Kommunikationsinfrastruktur und Sensoren – notwendig sei.
François Décaillet vom Regionalbüro der WHO für Europa sagte, langfristig gesehen werde die Investition in Technologie billiger sein. Man stehe vor einem großen Problem und müsse hier viel schneller voranschreiten als es derzeit der Fall sei.
Jüngste Entwicklungen und nächste Schritte:
- 11. Dezember 2007: Konferenz „TeleHealth 2007“: Telemedizin und innovative Technologien für das Management chronischer Krankheiten.
- Mai 2008: Die WHO wird einen Bericht über häusliche Pflege in Europa veröffentlichen.
- 25. bis 27. Juni 2008: Europäische Ministerkonferenz der WHO über Gesundheitssysteme: Gesundheitssysteme, Gesundheit und Wohlstandexternal.
- Oktober 2008: Die Kommission wird eine Mitteilung über Telemedizin und innovative Technologien für das Management chronischer Krankheiten veröffentlichen.
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Quelle/Source: EurActiv, 06.12.2007
