Gemeinden und Regionen stehen im nationalen und internationalen Wettbewerb miteinander: als interessanter Wirtschaftsstandort für Unternehmen 1), als attraktiver Wohnort für Bürger und als moderne und zeitgemäße Urlaubs- und Feriendestination für Gäste. Dabei können moderne Dienste und Leistungen der lokalen Verwaltungen in der Region den entscheidenden Mehrwert beisteuern. Im Sinne des eGovernment und Open Government sollten Gemeinden und Regionen digitale Dienste anbieten und den Zugriff auf Informationen und Daten ermöglichen. Dadurch schaffen sie einen direkten Mehrwert für Bürger, Wirtschaftstreibende und Gäste oder ermöglichen anderen, dies zu tun. Ein besonderer Stellenwert kommt dabei Geoinformationssystemen und insbesondere WebGIS-Anwendungen zu. Interaktive Karten und Geo-Daten werden in verwaltungsinternen Fachabteilungen bereits häufig eingesetzt, meist fehlt allerdings noch die Öffnung dieser Informationspools für die Allgemeinheit 2). Ein Interreg-Projekt hatte die Nutzung von Geo-Daten und GIS-Technologien zur Unterstützung von Freizeitaktivitäten in alpinen Regionen zum Ziel.
Das Phänomen Open Data, also frei verfügbare Daten und Informationen in maschinenlesbarer Form, die insbesondere von Regierungen und Verwaltungen bereitgestellt werden, hat für große Aufmerksamkeit gesorgt. Open Data hat das Potenzial, die Bürger zu stärken und ihnen durch den Zugang zu Informationen mehr Mitsprache zu ermöglichen, die Arbeits- und Funktionsweise von Regierungen und Verwaltungen grundlegend zu reformieren und öffentliche Dienste und Leistungen entscheidend zu verbessern. Darüber hinaus entsteht aus dem freien Zugang zu Daten und Informationen immenser wirtschaftlicher Mehrwert: Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass durch Open Data ein jährlicher weltweiter Mehrwert von mehr als drei Billionen Dollar generiert werden kann. 3)
Die lokalen Regierungen und Verwaltungen in Kärnten und Südtirol (Italien) haben diesen Trend erkannt und fördern Open Data Initiativen und die freie Verfügbarkeit von öffentlichen Daten und Informationen. Dies gilt insbesondere für geografische Daten und Geoinformationssysteme (GIS) wie beispielsweise Karten, Orthofotos und Hausnummern.
Mehrwert entsteht aber erst, wenn die so verfügbaren Daten und Informationen auch genutzt werden, beispielsweise um private und öffentliche Dienste zu verbessern oder aber neue und innovative Angebote zu realisieren. Ein grenzüberschreitendes Forschungsprojekt hatte ebendiese Nutzung von Geo-Daten und GIS-Technologien zur Unterstützung von Freizeitaktivitäten in alpinen Regionen zum Ziel 4).
Das Interreg-Projekt O-STAR entstand aus der Zusammenarbeit der Universität Klagenfurt, der Freien Universität Bozen und der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) sowie der Viva Latsch GmbH (Gemeinde Latsch, Südtirol) und der Bad Kleinkirchheimer Tourismus Marketing GmbH (Gemeinde Bad Kleinkirchheim, Kärnten) als Anwendungspartner. O-STAR steht für die Entwicklung eines innovativen Online-Systems für individuelle Touren- und Routenempfehlungen in alpinen Regionen – auf Grundlage frei verfügbarer öffentlicher Daten.
Der Internetnutzer sieht sich aktuell mit einem Überangebot an Informationen konfrontiert und ist oft mit der Entscheidungsfindung überlastet. Innovationen im Informations- und Kommunikationsbereich können einen wesentlichen Beitrag leisten, um Entscheidungsfindungen für beispielsweise Freizeitaktivitäten zu vereinfachen und gleichzeitig strukturschwache Gebiete besonders in diesem Marktsegment (Freizeitwirtschaft) besser zu positionieren.
Die Universität Klagenfurt verfügt über Expertise und erprobte Systeme zur Generierung von personalisierten Empfehlungen (ein System, das dem Nutzer Hilfe bei der Entscheidungsfindung im Internet bietet) und die Universität Bozen über Erfahrungen im Bereich von räumlichen Datenbanken und Isochronen (diese geben an, wie viele Punkte im selben Radius - Minuten/Km - von einem gewählten Standpunkt aus erreichbar sind).
Zielsetzung des O-STAR-Projektes war daher die Weiterentwicklung der Technologie zur Generierung von Empfehlungen, sodass diese räumliche Aspekte und geografische Informationen mitberücksichtigt und dem Nutzer personalisierte Routenvorschläge unterbreitet werden können.
Die im Rahmen des Projekts entwickelten technischen Lösungen demonstrieren die Nutzung von Geo-Daten für ein breites Einsatzspektrum in der Freizeitwirtschaft und liefern Beiträge auf verschiedenen Ebenen:
- Öffentlich verfügbare und mobile Apps für zwei regional bedeutsame Radstrecken, welche es dem Nutzer erlauben, sich mit Radprofis zu messen. Dabei handelt es sich um die „Giro Challenge Martelltal“-App, welche den Zielanstieg in das Martelltal im Rahmen der Südtirol-Etappe des Giro d’Italia 2014 abbildet, und die „Ö-Tour Challenge Kärnten“-App für die Strecke auf den Dobratsch in Kärnten, welcher das Ziel der 6. Etappe der 66. Internationalen Österreich Rundfahrt war. Diese beiden Anwendungen verbinden den Trend zum Quantified Self, d.h. der Selbstvermessung von sportlichen Leistungen, mit der Anwendung spieltypischer Elemente (engl. Gamification) wie einer öffentlichen Ergebnisliste und einer vergleichenden Simulation des eigenen Fortschritts mit anderen, um Nutzer zur wiederholten Teilnahme zu motivieren. Die Errechnung von individualisierten Ankunftszeiten auf Basis des bisherigen Fortschritts war eine weitere forschungsrelevante Fragestellung im Rahmen des Projekts, welche unter anderem zu einer Publikation auf der internationalen Hauptkonferenz für IT & Tourismus geführt hat 5).
- Öffentlich verfügbare GIS-Daten und Mehrwertservices, welche durch das Amt für raumbezogene und statistische Informatik der Autonomen Provinz Bozen - Südtirol zur Verfügung gestellt werden und die Basis für eine Vielzahl von individuellen Geo-Anwendungen zur Routenplanung oder zur räumlichen Datenanalyse bilden 6).
- Weiterentwicklung der aktuellen Technologien zur Routenplanung, sodass diese auch verschiedene Kategorien von unterschiedlich gewichteten Points-of-Interest und Einschränkungen auf diesen berücksichtigen können. Die Planung dieser personalisierten Routen ist vor allem aufgrund der Berechnungskomplexität kein triviales Problem und hat daher die Entwicklung spezieller Heuristiken erfordert. Ein Forschungsprototyp 7), welcher auf Basis des Wegenetzes der Gemeinden Latsch und Bad Kleinkirchheim arbeitet, ist online verfügbar.
- Weiters konnten in diesem Projekt eine Reihe zusätzlicher Forschungsergebnisse erzielt werden, welche sowohl algorithmische Verbesserungen gängiger Empfehlungs- und Planungsverfahren darstellen, als auch neue Erkenntnisse bezüglich der Interaktion von Nutzern mit solchen Systemen betreffen. Beispielsweise kommt der Erläuterung von Empfehlungen, welche den Nutzern den Vorschlagsprozess selbst transparent machen und den Vorschlag begründen können, eine besondere Bedeutung für die Interaktion zu.
Neben dem unmittelbaren Mehrwert durch zusätzliche und verbesserte Angebote für die beteiligten Gemeinden und Regionen soll insbesondere auch das enorme Potential von Open Data aufgezeigt werden. Es bleibt zu hoffen, dass die im Projekt gezeigte innovative Nutzung und Kombination von bereits heute frei verfügbaren Daten der öffentlichen Verwaltung zu weiteren neuen und verbesserten Diensten und Services führt.
Literatur:
- Promberger, K., Bernhart, J. & Gander, H. (2008). Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Südtirol. Athesia Spectrum, Bozen.
- Czeranka, M. (2002): Erfolgreiches E-Government mit WebGIS. In: Strobl, J., Blaschke, T. & Griesebner, G. (Hrsg.): Angewandte Geographische Informationsverarbeitung XIV. Beiträge zum AGIT-Symposium Salzburg, 2002, S. 70-76. Wichmann Verlag, Heidelberg.
- Manyika, J., Chui, M., Groves, P., Farrell, D., Van Kuiken, S. & Almasi Doshi, E. (2013). Open data: Unlocking innovation and performance with liquid information. McKinsey&Company.
- Bernhart, J., Decarli, P., Merl, A. (2014): eDestination Kärnten: Wettbewerbsfähigkeit durch innovative Angebote. In: Anderwald, K., Filzmaier, P. & Hren, K. (Hrsg.): Kärntner Jahrbuch für Politik 2014, S. 183-194. Hermagoras Verlag/Mohorjeva založba, Klagenfurt.
- Pitman, A., Bernhart, J., Posch, C., Zambaldi, D. & Zanker, M. (2013). Time-of-Arrival Estimation in Mobile Tour Guides. In: Information and Communication Technologies in Tourism 2013, S. 70-81. Springer.
- Onlineportal: http://sdi.provinz.bz.it/touring/
- Onlineportal: http://ostar.unibz.it/
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Autor(en)/Author(s): Mag. Dr. Josef Johann Bernhart / Decarli Peter, MSc / A.Univ.-Prof. Dr. Kurt Promberger / Assoc. Prof. Dr. Markus Zanker
Quelle/Source: Projekt O-STAR, Januar 2015
